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23.01.2017

18. "forum jugendhilfe" zeigt Erfolge der Sozialraumorientierung im Landkreis auf

„Sozialraumorientierung“ - der Begriff klingt sperrig und abstrakt. Dabei steckt in ihm eine Fülle bunten Lebens - ja, das Leben schlechthin. Mit diesem Begriff lässt sich zum Beispiel erklären, warum eine Seniorin namens Frau Melchior seit kurzem in ihr Lieblingscafé zum Duschen geht, statt ins Heim zu ziehen. Genau um solche Beispiele ging es beim 18. „forum jugendhilfe“, das vom Kreisjugendamt zusammen mit der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (FHWS) organisiert wurde.

Vor zehn Jahren stellte das Jugendamt des Landkreises Würzburg seine Arbeit um. Man erkannte, dass es, wenn ein Jugendlicher auffällig wird, nicht alleine darum gehen kann, dem Teenager eine passende Hilfe zu verordnen. Unverzichtbar ist es, auch sein Umfeld genau zu betrachten. „Vom Fall zum Feld“ nennt sich diese Vorgehensweise, erläuterte Gunter Adams, Mitglied im Jugendhilfe-Ausschuss und Pädagogikprofessor an der FHWS. Alles, was die Lebenswirklichkeit eines Jugendlichen ausmacht, wird bei der „Sozialraumorientierung“ in den Blick genommen: Seine Familie, die Schule, seine Freunde, die Vereine, in denen er Mitglied ist, usw..

Stärkere Verknüpfung von Praxis und Lehre

Das Interesse an dem Thema war hoch. Dekanin Prof. Dr. Dagmar Unz, Bezirks- und Kreisrätin Elisabeth Schäfer und Hermann Gabel als Leiter der Sozialpädagogischen Dienste im Kreisjugendamt konnten 130 Teilnehmer in der Fachhochschule, die als Kooperationspartner für die Veranstaltung fungierte, begrüßen. „Wir möchten mit gemeinsamen Veranstaltungen künftig noch stärker Praxis und Lehre verbinden, um die Qualität unserer Sozialen Arbeit zu verbessern“, informierte Gabel.

Aktuellen Untersuchungen zufolge, die neun Studierende der FHWS vorstellten, gelang es durch das veränderte Konzept in den vergangenen zehn Jahren, neue Netzwerke aufzubauen, vorhandene Netzwerke zu stärken und dadurch die Prävention zu verbessern. „So wurde die Kooperation mit den Gemeinden intensiviert“, legte Studentin Larissa Armt dar. Gleiches gilt für den Kontakt zu den Familien. Auch der hat sich den Umfragen der Studierenden zufolge deutlich verbessert.

Wo im Landkreis Würzburg wohnen, bezogen auf die Einwohnerzahl, besonders viele bedürftige Menschen? Wo ist die Quote der Jugendlichen, die Hilfemaßnahmen benötigen, besonders hoch? Seit 1998, also noch vor dem Start der Sozialraumorientierung, erhebt das Kreisjugendamt solche Zahlen, zeigte Jugendhilfeplaner Klaus Rostek auf.

Die Erhebungen sind ein wichtiges Instrument in der sozialraumorientierten Jugendhilfe, verdeutlichen sie doch, wo sich etwas ungünstig entwickelt, wo akut gegengesteuert werden muss und wo sich eine schwierige Situation entspannt hat.

Vor allem in großen Städten gibt es Viertel, die einen sehr guten, und andere, die einen sehr schlechten Ruf haben. In einem „verrufenen“ Viertel zu leben, wo Straßenzüge verwahrlost sind, die Menschen keine Arbeit und Jugendliche keine Perspektive haben, wirkt sich gravierend auf die einzelnen Bewohner aus, verdeutlichte Dieter Kulke, Professor für Sozialwissenschaften an der Würzburger FHWS. Hier leben zu müssen, kann Depressionen auslösen. Dann nützt es dem Forscher zufolge auch nichts, dem Bewohner ein Stressbewältigungsprogramm anzubieten. In diesem Fall würde der sozialraumorientierte Blick dem Wohnumfeld gelten, um Stressoren auszuschalten.

Nun zurück zu Frau Melchior – der Fall der Seniorin gehört zwar nicht in die Jugendhilfe, zeigt aber deutlich auf, wie sozialraumorientierte Hilfe funktioniert. Es hätte zwei Möglichkeiten gegeben, die ihr verblieben wären, als sie ein wenig „tüttelig“ zu werden begann: Entweder ein Umzug ins Heim oder mehr Hilfe vor Ort, also in ihrem Sozialraum. Den Umzug in eine Einrichtung hätte sie als Zumutung empfunden, denn sie liebte ihr Quartier, zeigte Prof. Dr. Frank Früchtel aus Potsdam, Experte für Sozialraumorientierung, in seinem inspirierenden Hauptvortrag auf. Nun hätte die Sozialstation, von der Frau Melchior bereits betreut wurde, aus eigener Kraft einen Verbleib zu Hause nicht möglich machen können. Die Suche der Pflegerinnen konzentrierte sich deshalb auf Unterstützer im Umfeld der alten Dame. Die akzeptierte und vertraute drei Menschen aus ihrer Umgebung bedingungslos: Dem Kioskbesitzer, der Chefin ihres Lieblingscafés und ihrer Nichte. Über die Pflegerinnen der Sozialstation und andere Leute aus dem Hilfesystem hingegen beschwerte sie sich, wie das viele ältere Menschen tun, die allmählich etwas „wirr im Kopf“ werden. Ihr würde Geld geklaut und man versuche, ihr Essen zu vergiften.

Die Sozialstation redete der Seniorin ihre negativen Gedanken nicht aus, sondern organisierte die Dienstleistungen auf kreative Weise neu. Der Kioskbesitzer wurde überzeugt, dass er der Seniorin täglich das „Essen auf Rädern“ aushändigt. Die nette Konditoreileiterin ließ Frau Melchior künftig mit Assistenz bei sich duschen. Eine Nichte wurde auf Honorarbasis mit der Aufgabe angestellt, immer vor Ort zu sein, wenn bei Frau Melchior geputzt wird. Um aufzupassen, dass ja kein Geld wegkommt.

Wer mehr über Sozialraumorientierte Jugendhilfe und die Veranstaltung wissen möchte, findet Informationen auf der Homepage www.kreisjugendamt-wuerzburg.de oder erhält unter kreisjugendamt@lra-wue.bayern.de Hinweise auf Informationen.

Bildergalerie vom 18. forum Jugendhilfe:

Fotos: Pat Christ