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Bericht aus der Lagebesprechung der FüGK

Das Landratsamt Würzburg leitet als „Untere Katastrophenschutzbehörde“ die Einsätze zur Bewältigung von Katastrophen. So will es das Bayerische Katastrophenschutzgesetz.

Dabei wird nicht unterschieden, ob die Katastrophe ein Naturereignis ist oder zum Beispiel menschengemacht: Der oberste Entscheider bewertet mit seinen Beratern das so genannte Schadensereignis und ruft nach gründlicher Abwägung den Katastrophenfall aus. Das kann bei lokalen Ereignissen ein Landrat für seinen Landkreis tun oder wie im Fall dieser Corona-Pandemie der Ministerpräsident für sein ganzes Bundesland.

Die unterstellten Verwaltungen aktivieren ihre „Führungsgruppen Katastrophenschutz“, die „den zur Ereignisbewältigung erforderlichen Umfang ermitteln und die Arbeits- und Führungsfähigkeit sicherstellen.“ Sie holen zum Beispiel Lageinformationen ein, warnen die Bevölkerung oder benachbarte Kommunen, stimmen die Einsätze mit der Örtlichen Einsatzleitung ab.

So viel zur Theorie. Jetzt geht´s in die Praxis:

 

Die Sprache der Katastrophenschützer

Ein halbes Stündchen durfte die Verfasserin dieser Zeilen der Führungsgruppe Katastrophenschutz Anfang letzter Woche über die Schulter schauen. Schon nach einer Minute waren zwei Dinge klar: Katastrophenschützer versteht nur, wer Katastrophenschützer ist. Und die echte Katastrophe hat so gar nichts mit der aus Hollywood gemein. Aber der Reihe nach: Die Führungsgruppe Katastrophenschutz am Landratsamt (kurz: FüGK) residiert im Keller. Die beiden Fenster lassen etwas Licht herein, ansonsten ist das Ganze – freundlich ausgedrückt – ausgesprochen funktional. Keine hektisch blinkende Echtzeit-Lagekarte, keine Fernsehschirme mit den gängigsten News-Kanälen und der Actionstar im Muskelshirt wird niemals zur Tür hereinplatzen. Er würde schlicht den Weg zum Schutzraum nicht finden.

Die Landkreiskarte hängt in Papierform an der einen Wand, ein Beamer wirft die aktuellen Zahlen an eine andere und auf dem Whiteboard an Wand Nummer drei sind in eiliger Schrift strategische Schritte und ToDo´s notiert. An den zum Viereck gestellten Tischen sitzen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landratsamtes Würzburg hinter ihren Bildschirmen und bringen sich mit faszinierend präziser Sachlichkeit und Ruhe auf den aktuellen Stand. Sie alle engagieren sich freiwillig und zusätzlich zum eigentlichen Job in der Führungsgruppe Katastrophenschutz. Die meisten von ihnen kommen ohne Blaulicht-Vorkenntnisse ins Team – nur einige wenige können Katastrophe, um´s mal ganz salopp zu sagen, weil sie sich ehrenamtlich beim Bayerischen Roten Kreuz oder bei der Feuerwehr engagieren.

 

Hochdynamische Lage: Arbeiten rund um die Uhr

Doch diese Corona-Lage ist anders als alles bisher Dagewesene, denn das Schadensereignis liegt nicht in der Vergangenheit, wo es beurteilt und durch entsprechende Maßnahmen geheilt werden könnte – es findet minütlich aufs Neue statt. „Die Lage ist hochdynamisch, das heißt, sie muss 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche beobachtet und ständig aufs Neue bewertet werden“, bestätigt auch Eva-Maria Löffler und erklärt, dass sich die FüGK inzwischen an diese Situation angepasst habe. „Auch wir sind rund um die Uhr in wechselnden Schichten im Einsatz.“

In krisenfreien Zeiten leitet Eva-Maria Löffler den Geschäftsbereich Kommunales, Sicherheit und Verbraucherschutz. In dieser Krise hat sie die Leitung der FüGK inne, die mit dem Ausrufen des Katastrophenfalls durch Ministerpräsident Söder am 16. März 2020 ihre Arbeit aufgenommen hat.

Weil die Corona-Krise aber nicht erst seit Mitte März weltweit auf der Agenda steht, ist außerdem Miriam Meder an Bord. Als Leiterin des Geschäftsbereichs Jugend, Soziales und Gesundheit ist ihr das Gesundheitsamt von Stadt und Landkreis Würzburg unterstellt und dort läuft man bereits seit Februar im Krisenmodus.

Als Doppelspitze der FüGK-Leitung sind die beiden Juristinnen die obersten Einsatzleiterinnen, entscheiden eigenverantwortlich über die nächsten Schritte und koordinieren die Arbeit innerhalb der FüGK. Sie berichten direkt an Landrat Eberhard Nuß. Unterstützt werden sie von der Führungsassistenz, in der heutigen Schicht ist das die Chefin der Servicestelle Ehrenamt, Kerstin Gressel. Sie koordiniert innerhalb der FüGK die Arbeiten der verschiedenen Bereiche und packt dort mit an, wo es gerade am meisten brennt.

 

Vom ÖEL an S3 und BUMA

Zurück in den Keller: Die Lagebesprechung ist in vollem Gange. Der Örtliche Einsatzleiter (kurz: ÖEL), Paul Justice, blickt in Richtung des Schreibtischs, an dem das Namensschild „Lage“ prangt. Dahinter sitzt Alexandra Schnitzer, eigentlich Fachbereichsleiterin Immissionsschutz und Abfallrecht und aktuell zuständig für „Lage und Dokumentation“, das heißt, sie kümmert sich unter anderem um die Anforderung, Sammlung und Auswertung von Lageinformationen oder dokumentiert diese Lagebesprechungen.

Die Beamtin berichtet kurz und knapp über die Anzahl der Quarantäne-Fälle Stand 8:00 Uhr am Morgen, über die Anzahl der Entlassenen aus der Quarantäne, über den Stand der Ermittlungen der „KP 1“ (Kontaktpersonen der Kategorie I) und – Achtung, erfreuliche Meldung zwischendurch – über die Anzahl der Positiv-Getesteten, die inzwischen als gesund gelten.

Auch die Ärzt*innen und die Mitarbeiter*innen im Gesundheitsamt und Landratsamt hat sie im Blick: „Wir brauchen dringend Personal bei den Ärzten und in der Verwaltung. Morgen muss was passieren“, appelliert Alexandra Schnitzer eindringlich. Blick in die Runde: Keine überraschten Gesichter.

Offenbar wird an der Lösung mit heißer Nadel gestrickt. Denn die Fallzahlen steigen weiter rasant an und die Kolleg*innen in den Corona-aktiven Fachbereichen kommen a) nicht nach und kriegen b) ihre Kinder seit Wochen nur noch tiefschlafend zu Gesicht. Der ÖEL Paul Justice, erfahrener Einsatzleiter beim Bayerischen Roten Kreuz, fasst die Ausführungen mit so ruhiger Stimme zusammen, dass er auch gut Märchenerzähler statt Realitätsbezwinger hätte werden können: „Auftrag aus dem Gesundheitsamt: Dringend Personal. Einsatzschwerpunkte sind Entlassmanagement und Ermittlung von Kontaktdaten. Danke an die Lage. Nächstes Thema: Versorgungslage, S3 bitte.“

 

Kritische Versorgungslage

S3 steht für den Arbeitsbereich „Einsatz“ im Krisenfall und das Gesicht hinter dem Schild gehört in dieser Schicht Verena Amelingmeier. Sie bearbeitet die „Maßnahmen zur Ereignisbewältigung“, wie es im Katastrophenschützer-Sprech heißt. Bei einem Großbrand zum Beispiel würde sie nach Abstimmung mit dem Örtlichen Einsatzleiter Evakuierungen und Nottransporte organisieren oder hinterher die Müllbeseitigung anstoßen.

Bei Corona brennt ihr gerade ein einziges Thema unter den Nägeln – der Nachschub an Schutzausrüstung. Kein leichter Job in diesen Tagen, wo Desinfektionsmittel & Co. weltweit meistgesucht ist. Verena Amelingmeier recherchiert mögliche Quellen und ergreift ihre Chancen, wo immer sie sich auftun. Bei aller Fairness natürlich, schließlich sei dies das Gebot der Stunde, darin sind sich alle einig.

Parallel stimmt Verena Amelingmeier mit den Blaulicht-Organisationen die Verteilung ab. Denn die knappen Güter sollen, wenn sie denn eintreffen, so bedarfsgerecht und zivilisiert wie möglich beispielsweise an Einrichtungen der Kranken- und Altenpflege ausgegeben werden. Als Sozialpädagogin im Jugendamt weiß sie aber auch, wie man seine Zuhörer nach einer Reihe schlechter Nachrichten zurücklässt. Mit einer guten natürlich: 1.000 Liter Flächendesinfektionsmittel konnte sie für den Landkreis Würzburg beschaffen. Ein Anfang!

 

Österliche Grabbepflanzung

Paul Justice erteilt der nächsten Rednerin das Wort: Eva-Maria Schorno ist mit ihrem Team der Pressestelle in der Corona-Pandemie als „BuMA“ gefragt, Abkürzung für Bürgerinformation und Medienarbeit. Die Pressesprecherin kommuniziert die abgestimmten Fallzahlen an die Medien und bringt Anfragen von Journalist*innen, Bürgermeister*innen und Bürger*innen von draußen mit herein.

Die Telefone laufen auch dort heiß, verständlicherweise. Außerdem fällt das Bürgertelefon unter ihren Verantwortungsbereich. Tagesaktuell häufen sich dort zum Beispiel Fragen der Bauern, ob sie ihre Felder bestellen dürfen. Oder Angehörige möchten mit Blick auf das nahende Osterfest wissen, ob das Bepflanzen der Gräber möglich ist. Wie bei allen Rednern davor und danach geben ihre Ausführungen nur einen kurzen Überblick wider, schließlich lassen sich in dieser dynamischen Lage nur die wesentlichen Punkte in großer Runde klären.

Und wieder ist Paul Justice dran: „Danke. Eva. Zur Bedarfslage am Gesundheitsamt – Andreas bitte.“ Der angesprochene Andreas Dreßel kümmert sich in der Personalstelle normalerweise um Fach- und Führungskräfte, hier ist er als „Innerer Dienst“ zuständig für die Bereitstellung von Personal, das heißt, er organisiert Ablösungen und Vertretungen, erstellt interne Alarmierungslisten oder akquiriert zusätzliche Mitarbeiter aus dem Pool derer, die noch „normal“ arbeiten können.

Kein leichter Job in dieser Pandemie, die so viele Fachbereiche zum monothematischen Arbeiten in Sachen Corona zwingt. Dennoch hat er Gutes zu berichten: Nach einem internen Aufruf hätten sich zahlreiche Freiwillige gemeldet, um das Gesundheitsamt und das Bürgertelefon zu unterstützen. „Zusätzlich wird heute Personal aus weniger belasteten Fachbereichen abgestellt“, berichtet er zur sichtlichen Erleichterung von Alexandra Schnitzer am Lage-Schreibtisch.

 

Zwei-Schicht-Betrieb: Schlafen auf Feldbetten

Weil die Arbeitsbereiche innerhalb der FüGK inzwischen selbst mit Doppelbesetzung an ihre Grenzen kämen, habe man den Zwei-Schicht-Betrieb eingeführt, erklärt der Personaler weiter. Feldbetten und Nasszellen stünden für die Nachtschicht bereit. Die Einteilung der Schicht-Teams folgt der Methode „Gefahrenreduktion“:

Innerhalb der einzelnen Schicht-Teams soll kein Personalwechsel stattfinden, um die Arbeitsfähigkeit der gesamten FüGK bei einer möglichen Ansteckung Einzelner nicht zu gefährden. Mit Blick zum ebenfalls anwesenden Kreisbrandrat Michael Reitzenstein sagt er: „Wir bräuchten für die Lage zwei Männer von euch.“ Prompt kommt die Antwort von dort, dass Kollegen der Feuerwehr freigestellt würden und unterstützten.

Jetzt fehlt nur noch ein Arbeitsbereich innerhalb der FüGK, die „Sichtung“. Dort sitzt Ralf Wachter, dessen Herz auch in Corona-freien Zeiten für den Katastrophenschutz schlägt. Im Fachbereich Sicherheit, Ordnung und Gewerberecht ist er nämlich unter anderem zuständig für den Bevölkerungsschutz, für Manöverschäden und die Schulung von Mitarbeitern in Sachen FüGK. Ist die Katastrophe wie im vorliegenden Fall real geworden, folgt der Strukturaufbau der FüGK seiner exzellenten theoretischen Vorarbeit.

Im laufenden Katastrophengeschäft behält der Verwaltungsfachangestellte in der Sichtung sämtliche Meldungen rund um Corona im Blick. Und die gehen angesichts der kritischen Lage und der vielen beteiligten internen und externen Stellen im Minutentakt ein. Wesentliche Meldungen, aber auch relevante Vorgänge und Maßnahmen außerhalb des Landratsamtes, leitet er an die Entscheiderinnen der FüGK bzw. komprimiert an die Lage zur Einordnung weiter.

 

Materialengpass: die Weichen sind gestellt

Apropos Lage, erneut Paul Justice: „Offen ist jetzt noch die kritische Versorgungslage, da sind die Weichen gestellt, richtig Michael?“ Der Kreisbrandrat Michael Reitzenstein, als Örtlicher Einsatzleiter und Fachberater der Feuerwehr mit an Bord, bestätigt: „Wir haben ein Logistikzentrum aus dem Boden gestampft. Die Materialbeschaffung läuft zentral über München, die ersten Bestellungen gehen schon ein“.

Und dann fällt noch ein Satz, der die Dimension des Engpasses vielleicht am ehesten deutlich macht. „Außerdem haben wir erfahren, dass eine Palette aus München unterwegs ist“, gibt Michael Reitzenstein sichtlich erleichtert zu Protokoll. „Was drauf ist, wissen wir allerdings erst, wenn sie da ist.“