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14.12.2018

Von imponierender Courage: Zwei mutige Musliminnen erzählen im Landratsamt von ihrem Kampf für Frauenrechte

Seit Mai 2017 dürfen Kinder in Deutschland nicht mehr heiraten. Wer eine Ehe eingeht, muss 18 Jahre alt sein. Das Verbot der Kinderheirat ist eines von vielen Frauenrechten, die inzwischen erkämpft wurden. Doch der Kampf muss weitergehen, forderte Dr. Necla Kelek bei einem Vortragsabend im Würzburger Landratsamt unter dem Titel „An den Rechten der Frauen misst sich die Demokratie“. Kelek selbst hat vor allem ein Ziel: „Wir müssen das islamische Familienrecht brechen.“

Zu ihrer ersten öffentlichen Veranstaltung lud Carmen Schiller, die neue Kommunale Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Würzburg, zwei imponierende Frauen ein, die ihr Leben dem Kampf für die Rechte speziell von Musliminnen widmen. Necla Kelek tut dies als Autorin und seit sechs Jahren als Vorstandsfrau der Organisation Terre des Femmes. Seyran Ateş, Rechtsanwältin für Familienrecht, engagiert sich vor allem gegen religiöse Gewalt und Diskriminierung. Was ihr vielfach Morddrohungen einbrachte. Ateş steht unter Personenschutz. Auch zu ihrem Auftritt im Landratsamt wurde sie von Mitarbeitern des Landeskriminalamts und der örtlichen Polizei begleitet.

Die Mütter in den islamischen Familien hätten es in der Hand, für eine neue islamische Gesellschaft zu sorgen, so Necla Kelek. Wären sie frei. Doch das sind sie nicht. In 52 von 50 islamischen Ländern basiere das Familienrecht nicht auf staatlichen Gesetzen, sondern auf der Religion. Viele Musliminnen lebten auch in Deutschland nach religiösem Recht. Sie dürften nicht, gleichberechtigt mit ihrem Mann, einen Mietvertrag unterschreiben. Sie haben oft kein eigenes Konto und sie müssen den Mann fragen, wenn sie das Haus verlassen wollen.

                   

Schulen als Agenturen für Freiheit und Emanzipation

Viele Frauen haben nicht den Mut, viele sehen aber auch nicht die Notwendigkeit, gegen die Diskriminierungen innerhalb der Familie vorzugehen. Aus diesem Grund zeige auch der 2011 neu eingeführte Straftatbestand der Zwangsheirat kaum Wirkung, so die promovierte Soziologin: „Es gibt fast keine Anzeigen, kaum eine muslimische Familie interessiert sich dafür.“ Weil sich in den Familien selbst wenig ändert, müssten die Schulen aktiver werden, forderte die Frauenrechtlerin: „Unsere Schulen könnten eine Agentur für Freiheit und Emanzipation sein.“

Vor wenigen Monaten startete Terre des Femmes eine umstrittene Offensive, die Kopftuchfreiheit in deutschen Schulen zum Ziel hat. „Den Kopf frei haben!“ nennt sich die Petition. „Die Verschleierung von Mädchen aller Altersstufen, ein zunehmendes Phänomen in vielen Schulen und sogar in Kindergärten, stehe für eine Diskriminierung und Sexualisierung von Minderjährigen, konstatiert die Organisation, der Necla Kelek vorsitzt. Öffentliche Schulen und Kindergärten müssten als neutrale staatliche Orte religiöse und ideologische Symbolik vermeiden. Die „Frühverschleierung konditioniert Mädchen auf ein unfreies und abhängiges Leben".

                   

Gleichberechtigung ist ein Grundpfeiler der Demokratie

Die Befreiung der muslimischen Frau steht auch auf der Prioritätenskala von Seyran Ateş ganz oben. „Die Gleichberechtigung der Geschlechter ist einer der wichtigsten Pfeiler der Demokratie“, betonte die Imamin in ihrem Vortrag. Während sich Necla Kelek für die Abschaffung des islamischen Familienrechts einsetzt, kämpft Seyran Ateş für eine geschlechtergerechte Auslegung des Islam und ein diskriminierungsfreies Miteinander in den Moscheen. „In den meisten Moscheen weltweit versammeln sich Frauen in getrennten Räumen“, erklärte sie. Oft müssten sie in schmucklosen Nebenzimmern beten. Den zentralen Gebetsraum zu betreten, sei ihnen fast überall verboten.
Dass Seyran Ateş dies nicht akzeptiert, sorgt in der „Community“ für Querelen bis hin zu unverblümten Morddrohungen. Doch Seyran Ateş lässt sich nicht beirren. In Berlin gründete sie die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee für alle Gläubigen, die einem säkularen, liberalen Islam anhängen, der weltliche und religiöse Macht voneinander trennt. Frauen beten hier zusammen mit Männern, Frauen agieren als Vorbeterinnen. Manche Frauen kommen mit Kopftuch in die Moschee. Manche ohne. Zum Freitagsgebet erscheinen außerdem Menschen, die anderen Glaubensrichtungen angehören.

Die Reaktion auf die Gründung ihrer Moschee hat Seyran Ateş wenig überrascht. „Kurz nach der Eröffnung kamen fünf Männer zu mir und verlangten, ich soll die Moschee sofort schließen“, erzählte sie. Sie fragte zurück: „Warum?“ Die Moschee, wurde ihr erklärt, entspreche den Vorschriften nicht. Dann solle man ihr doch die Vorschriften zeigen. Das geschah nicht. Denn es gibt keine Vorschriften, wie eine Moschee genau auszusehen hat. Eine Moschee, so die sunnitische Muslimin, sei lediglich ein Ort, wo sich Menschen zum Beten treffen.

Die Veranstaltung mit den beiden mutigen Musliminnen war ein fulminanter Auftakt für das Engagement der neuen Gleichstellungsbeauftragten. „Auch eines meiner Ziele ist, dass zugewanderte Frauen ihre gleichberechtige Stellung in der Gesellschaft kennen und sie leben können“, betonte Carmen Schiller. Gleichberechtigung stehe für sie für die Freiheit jedes einzelnen: „Egal ob Frau oder Mann.“ Ohne diese Gleichberechtigung, so Schiller, könne es keine Demokratie geben.