Seiteninhalt
20.05.2019

Der Mittelstand ist in Gefahr - Riesiges Interesse an der Tagung zur Unternehmensnachfolge

In den nächsten Jahren bis 2022 steht bundesweit bei rund 150.000 Unternehmen die Übergabe an einen Nachfolger an. Hiervon sind rund 2,4 Millionen Beschäftigte betroffen. Dazu kommt: Immer weniger junge Menschen wagen den Schritt in die Selbständigkeit, und immer mehr ältere Firmenchefs suchen Nachfolger. Im Jahr 2035 wird es laut einer Prognose der Industrie- und Handelskammer Würzburg-Schweinfurt (IHK) in Unterfranken rund 5.000 Firmeninhaber weniger als heute geben.

Diese Zahlen präsentierte Diplom-Volkswirt Ralf Hofmann von der (IHK) zu Beginn der Tagung „Unternehmensnachfolge“. Der große Sitzungssaal im Landratsamt Würzburg war mit mehr als 130 Interessierten bis auf den letzten Platz gefüllt und spiegelte den Beratungsbedarf zu diesem Thema eindrucksvoll wider.

Eingeladen hatten Stadt und Landkreis Würzburg, die IHK und Handwerkskammer für Unterfranken (HWK) gemeinsam. Dass das Thema auch in Rathaus und Landratsamt als wesentlich für die positive Entwicklung der Wirtschaft in der Region wahrgenommen wird, zeigten die Begrüßungsworte von Landrat Eberhard Nuß und Oberbürgermeister Christian Schuchardt. Die Wirtschaftsförderer von Stadt und Land, Klaus Walther und Michael Dröse, ziehen gemeinsam an einem Strang, um die  in der Region ansässigen Firmeninhaber bei der Nachfolgegestaltung zu unterstützen.

Unternehmensnachfolge muss rechtzeitig geplant werden

Diplom-Volkswirt Michael Pfister als Vertreter der HWK riet dazu, möglichst frühzeitig, etwa ab dem 55. Lebensjahr, spätestens fünf Jahre vor der geplanten Übergabe, über die Nachfolgeregelung nachzudenken. Eine geplante Übergabe muss rechtzeitig und ausführlich gegenüber den Mitarbeitern kommuniziert werden, um Zukunftsängste zu vermeiden. Auch wenn die Übergabe ansteht, darf es der Inhaber nicht an Investitionen und unternehmerischer Dynamik fehlen lassen. Nur so kann er bis zur Übergabe den Unternehmenswert erhalten. Nachfolger sollten nicht nur in der eigenen Familie gesucht werden, sondern auch extern, denn hier gelte Qualifikation vor Abstammung für eine erfolgreiche Weiterführung des Unternehmens. Die Altersabsicherung des Übergebenden muss ebenso bedacht werden wie ein realistischer Kaufpreis, der dem Nachfolger finanziellen Spielraum lässt. Bei den Wertvorstellungen gebe es meist ein großes Spannungsfeld zwischen Eigentümer, Käufer, Bank und Finanzamt, so Pfister.

Sich im Loslassen üben und Erbkonflikte vermeiden

Es gibt auch persönliche und familiäre Aspekte zu bedenken: Ein selbständiger Unternehmer muss sich stufenweise auf den Ruhestand vorbereiten, etwa, indem er zunächst nicht mehr am Wochenende arbeitet, keine Überstunden mehr macht und sich ein Hobby sucht. Nur so kann das Loslassen schließlich gelingen. Auch die Erbfolge in der Familie muss geregelt sein. Für eine erfolgreiche Unternehmensübergabe sind auf beiden Seiten Kompromisse und vorab diverse Berater unabdingbar. Für die Beratung in diesem komplexen Prozess stehen IHK und HWK sowie Steuerberater, Anwälte und Notare zur Verfügung.

Dr. Mark Weirich, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater aus Würzburg,  hat bereits zahlreiche Unternehmensnachfolgen begleitet. Auch er betonte, dass die frühzeitige Planung wesentlich sei: Es gehe um die Alterssicherung des Übergebers, um faire Bedingungen für den Nachfolger und auch um die Verantwortung für die Arbeitsplätze, die es zu erhalten gilt. Natürlich sind auch steuerliche und rechtliche Aspekte zu berücksichtigen und eine realistische Wertermittlung durchzuführen.

Notfallkoffer für ungeplante Nachfolgesituationen

Sein dringender Rat: Ein „Notfallkoffer“ mit allen wichtigen Ansprechpartnern, einem Katalog erster Maßnahmen, Informationen über Passwörter usw. sorgt vor bei ungeplanten oder unerwarteten Nachfolgesituationen, wie sie etwa durch Streitigkeiten, Scheidung oder Krankheit und Tod eintreten können. Die IHK hält eine Checkliste für die Übergabe im Notfall auf Ihrer Webseite vor: www.wuerzburg.ihk.de/notfallhandbuch/

Zeit lassen für Entwöhnung und Eingewöhnung

„Die Suche nach dem Nachfolger ist immer am schwierigsten und benötigt am meisten Zeit“, betonte Dr. Weirich. Häufig muss auch ein Nachfolger zwei vollarbeitende Elternteile ersetzen, wenn Ehepartner im Betrieb gemeinsam tätig waren. Dann ist teilweise externes Knowhow oder eine weitere Fachkraft nötig. Auch überfrachtete Erwartungen an den Nachfolger in zu kurzer Zeit sind hinderlich für eine erfolgreiche Übergabe. Das Fazit aller Referenten: Rechtzeitige Planung, offene Kommunikation und vielschichtige Beratung tragen maßgeblich zur  erfolgreichen Übergabe bei. „Man  darf sich nicht für unersetzlich halten und muss sich gegenseitig Zeit einräumen für Entwöhnung und Eingewöhnung“, so Dr. Weirich.

Best-Practice-Beispiel Männermode Severin

Wie eine erfolgreiche Unternehmensübergabe funktioniert, trug Maximilian Severin vor. Der 37-jährige Betriebswirt ist geschäftsführender Gesellschafter der Männer-Mode Severin GmbH & Co. KG und der Severin Immobilien GmbH  Co. KG. Das  Familienunternehmen wird mit ihm bereits in der vierten Generation geführt. Innerhalb von drei Jahren war die Übergabe geregelt. Auch Maximilian Severin riet unbedingt dazu, rechtzeitig anzufangen, Lösungen zu suchen, mit denen alle leben können und einen Experten als Moderator einzubinden.

„Die Vorgänger-Generation muss loslassen  lernen, die Nachfolger-Generation muss die Lebensleistung der Vorgänger wertschätzen und dann ganz bewusst die Verantwortung für die Zukunft des Unternehmens übernehmen“, betonte Maximilian Severin. Und weiter: „Auch ich habe bereits wieder Vorkehrungen getroffen für eine Übertragung oder Vererbung auf die fünfte Generation“, schloss Severin seinen  überzeugenden Vortrag.