Barrieren vor allem in den Köpfen abgebaut: Ernst Joßberger als Behindertenbeauftragter des Landkreises Würzburg verabschiedet
Ernst Joßberger hat Menschen mit Behinderung eine Stimme gegeben und ihre Anliegen sichtbar gemacht. Von 2018 bis 2026 wirkte er ehrenamtlich als Beauftragter für die Belange von Menschen mit körperlicher, geistiger oder seelischer Behinderung im Landkreis Würzburg. In dieser Zeit war er Ansprechpartner für Betroffene und Angehörige, Impulsgeber für Politik und Verwaltung sowie engagierter Netzwerker für mehr Teilhabe und Inklusion.
Grundlage seines Handelns war die Leitidee der UN-Behindertenrechtskonvention. Gleichberechtigung, Chancengleichheit, Mitbestimmung und selbstbestimmte Teilhabe verstand Joßberger als unverzichtbare Voraussetzungen für ein gutes gesellschaftliches Miteinander. Bereits bei seiner Bestellung zum Behindertenbeauftragten im Jahr 2018 bezeichnete er das Amt als „wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe, zu deren Lösung wir auf kommunaler Ebene auch im Landkreis Würzburg auf vielfältige Weise beitragen können“. Die Realität zeigt es täglich: In Sachen Inklusion gab und gibt es im Landkreis Würzburg viel zu tun. Ernst Joßberger ging dieser Aufgabe mit großem Engagement und Herz nach.
Mit 75 Jahren hat Ernst Joßberger sein Ehrenamt zur Kommunalwahl 2026 abgegeben, für die er nicht mehr kandidierte. Landrat Thomas Eberth, Altlandrat Eberhard Nuß und eine Reihe von Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern bereiteten ihm nun einen emotionalen Abschied. „Um Barrieren zu überwinden, müssen Barrieren zunächst erkannt werden. Genau diesen Transfer hat Ernst Joßberger im Bewusstsein vieler Menschen im Landkreis Würzburg verankert“, sagte Landrat Thomas Eberth bei einer Feierstunde am Landratsamt Würzburg. „Im Namen aller Menschen in der Region Würzburg danke ich Ernst Joßberger für seine geleisteten Dienste.“
Inklusion als Lebensaufgabe
Ernst Joßberger richtete seinerseits Worte des Dankes an die Anwesenden, die ihn auf seinem Weg begleiteten. Die vielen Vertreterinnen und Vertreter von Institutionen und Beratungsstellen, des Bezirks Unterfranken, der Behindertenbeauftragte der Stadt und die Inklusionsbeauftragten von Stadt und Landkreis Würzburg hätten seinen Blick auf Menschen mit Behinderung und auf die Menschen im Allgemeinen maßgeblich erweitert. „Das Engagement für Menschen mit Beeinträchtigungen kennt in Würzburg keine Grenzen – schon gar nicht zwischen Stadt und Landkreis. Und es macht mich sehr stolz, hierzu einen Beitrag geleistet zu haben“, sagte Joßberger in seiner Abschiedsrede.
Die Überzeugung, dass Inklusion die Basis für den gesellschaftlichen Fortschritt ist, prägte sein gesamtes berufliches und ehrenamtliches Wirken. Nach seiner Tätigkeit als Lehrer für Grund- und Hauptschulen widmete er sich der Sonderpädagogik und war in Würzburg unter anderem als Lehrer an der Berufsschule Don Bosco sowie später als stellvertretender Schulleiter an der Berufsschule Adolph Kolping tätig.
Als Behindertenbeauftragter konnte Joßberger außerdem auf seine langjährige kommunalpolitische Erfahrung zurückgreifen. 27 Jahre engagierte er sich als Gemeinderat in Güntersleben, von 2005 bis 2017 trug er als Bürgermeister Verantwortung für seine Heimatgemeinde. Ab 2008 gehörte er dem Kreistag des Landkreises Würzburg an und setzte dort insbesondere bei sozialen Themen wichtige Akzente. Von 2008 bis 2020 war er stellvertretender Landrat.
Netzwerke aufgebaut und „Barrieren in den Köpfen abgebaut“
In all seinen Funktionen war Ernst Joßberger von dem Wunsch getragen, Menschen zusammenzubringen, Hürden abzubauen und positive Veränderungen anzustoßen. Als Behindertenbeauftragter gelang es ihm mit seiner offenen, humorvollen Art, seiner Tatkraft und der nötigen Beharrlichkeit, innerhalb weniger Jahre ein starkes Netzwerk für Inklusion aufzubauen – und das trotz der Einschränkungen während der Corona-Pandemie.
Als Bindeglied zwischen Betroffenen, Politik, Verwaltung und Kommunen machte er deutlich, dass Barrierefreiheit kein Randthema ist, sondern bei kommunalen Entscheidungen selbstverständlich mitgedacht werden muss. Mit einer von ihm angestoßenen Mustersatzung für kommunale Behindertenbeauftragte trug er dazu bei, dass inzwischen mehr als zwei Drittel der 52 Städte, Märkte und Gemeinden im Landkreis Würzburg entsprechende Ansprechpersonen benannt haben.
Großen Zuspruch fanden auch die von ihm initiierten Informationsveranstaltungen, etwa zu den Themen barrierefreies Bauen, Barrierefreiheit in Wahllokalen oder psychische Erkrankungen. Hinzu kamen regelmäßige Besuche von Beratungs- und Unterstützungseinrichtungen in der Region. Dabei dachte Joßberger seine Aufgabe stets über die Grenzen des Landkreises hinaus. Er pflegte einen intensiven Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern des Bezirks Unterfranken, der Bayerischen Architektenkammer, den Anbietern des öffentlichen Nahverkehrs, der Stadt Würzburg und zahlreichen weiteren Verbänden und Institutionen.
Gemeinsam mit dem Büro für Chancengleichheit am Landratsamt Würzburg und der Inklusionsbeauftragten des Landkreises, Fabienne Erk, wirkte er außerdem maßgeblich an der Entstehung des ersten Aktionsplans Inklusion des Landkreises Würzburg mit. Dessen Umsetzung beginnt in dem Jahr, in dem Ernst Joßberger sein Ehrenamt übergibt. Er hinterlässt damit ein dauerhaftes Fundament für die weitere Arbeit im Bereich Inklusion und ein gut bestelltes Feld für Rosa Behon, die ihm als Behindertenbeauftragte des Landkreises Würzburg nachfolgt.
„Barrieren werden nicht nur durch Treppen oder fehlende Aufzüge geschaffen. Die größten Barrieren entstehen oft in den Köpfen. Deshalb müssen wir weiter für Verständnis, Offenheit und gegenseitigen Respekt werben“, gab Ernst Joßberger am Ende seines offiziellen Abschieds den Anwesenden mit auf den Weg.