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11.10.2018

Eine Woche krasser Einsamkeit - 120 Experten diskutieren über Sinn und Unsinn von Arrest für junge Menschen

Christa Fischer hat schon viele Tränen fließen sehen. „Ich halte das hier nicht aus!“, weinen die Teenager, die zu ihr kommen. Die Sozialpädagogin ist an einem besonderen Ort tätig: Sie kümmert sich um junge Menschen in der Würzburger Jugendarrestanstalt (JAA).

Aber braucht es solche Anstalten eigentlich noch? Sind sie aus pädagogischer Sicht sinnvoll? Darüber diskutierten 120 Teilnehmer am Mittwoch beim 22. „Forum Jugendhilfe“ im Würzburger Landratsamt.

Gleichgültigkeit, Unsicherheit, Ablehnung, Angst: Die Jugendlichen, die zu Christa Fischer kommen, reagieren ganz unterschiedlich auf die Tatsache, dass sie nun für ein paar Tage oder gar für mehrere Wochen eingesperrt sind.

Fischer bietet ihnen Unterstützung an. Und das ist dringend nötig. Denn den Teenagern, die andere geschlagen haben oder die oft mehrmals schon mit Drogen erwischt wurden, geht es nicht gut. Fast keiner stammt aus einer behüteten Familie. Manche sind wohnungslos. Etliche haben keinerlei berufliche Perspektive. Fischer spricht von einer „sehr komplexen Lebenssituation“ der meisten Arrestanten.

Dass Fischer in der JAA tätig sein kann, ist einem Verein zu verdanken: Dem vor acht Jahren gegründeten „Förderverein Jugendarrestanstalt Würzburg“. Peter Mökesch, Strafverteidiger aus Würzburg, gehört dem Vorstand an. Nach seinen Worten sollte alles getan werden, um Arrest zu vermeiden: „Ist Jugendarrest unvermeidbar, sollte man die Zeit sinnvoll nutzen.“

Eben das macht die vom Förderverein finanzierte Sozialpädagogin. Fischer geht auf die 14- bis 21-Jährigen zu, versucht, herauszufinden, warum sie mit dem Gesetz in Konflikt gerieten und erarbeitet mit den Jugendlichen konkrete Lösungen.

351 junge Menschen waren 2017 in der Würzburger Jugendarrestanstalt

Viele Teenager bleiben eine Woche im Arrest. In dieser Woche sind sie ab Nachmittag alleine im Zimmer – ohne Fernseher, Handy, Computer und Zigaretten. Sie können Bücher lesen, Briefe schreiben oder schlafen. Mehr ist nicht möglich. 351 junge Menschen machten dies im vergangenen Jahr in der Würzburger JAA durch.

Fast alle empfanden das Alleinsein als „krass“. „Anfangs kommt damit fast keiner zurecht“, bestätigt Jugendrichter Bernd Krieger. Auch er setzt das Instrument „Arrest“ deshalb sparsam ein. Doch verzichten möchte er darauf nicht. Könnte er nicht mit Arrest drohen, wären noch weniger Jugendliche bereit, soziale Trainingskurse mitzumachen, legte er dar.

In der Arrestanstalt wird unter anderem durch Sport versucht, einen Zugang zu den Jugendlichen zu bekommen, informierte Anstaltsleiter Dirk Höhle.

Die Zeit im Arrest werde aber auch genutzt, um über brisante Themen zu informieren: „Das Gesundheitsamt spricht mit den Jugendlichen über Rauchentwöhnung, außerdem werden wir regelmäßig von den Anonymen Alkoholikern besucht.“ Schließlich kooperiert die Anstalt mit der Kolping-Berufsschule.

Soziale Trainings sinnvoller als Arrest

Bayernweit gibt es sieben Anstalten, in denen Jugendliche eingesperrt werden können, berichtete Florian Kaiser vom Bayerischen Landesjugendamt. Fast 3.100 junge Menschen kamen 2016 in Arrest.

„Ich bin nicht überzeugt von diesem Instrument“, betonte der Sozialpädagoge. Zumal dann besonders häufig arrestiert werde, wenn in einer Kommune keine Alternativen wie Anti-Gewalt-Trainings, Soziale Trainingskurse oder andere Gruppenarbeiten zur Verfügung stünden.

„Wir haben keinen Beleg, dass Arrest nachhaltig wirksam ist“, ergänzte Tanja Henking von der Würzburger Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften. Die Wirksamkeit werde im Gegenteil stark bezweifelt. „Auch wir bevorzugen andere Maßnahmen“, stimmte ihr Jugendgerichtshelferin Susanne Forster vom Kreisjugendamt Würzburg zu.

So investiert der Landkreis jedes Jahr fast 200.000 Euro für soziale Trainingskurse. Auch die Stadt tut dies in ähnlicher Höhe. In einem der Nachbarlandkreise werden laut Jugendrichter Bernd Krieger höchstens ein bis zwei Trainings pro Jahr finanziert.

„Das Drohen mit dem Arrest gibt uns die Chance, in Kontakt mit den Jugendlichen zu kommen“, bestätigte Birgit Münchenbach von der Aktionsgemeinschaft Sozialisation (AGS), die für die Region Würzburg soziale Trainingskurse anbietet. Ohne Zwang würden die jungen Leute niemals zur AGS kommen. Haben sie die AGS erst einmal kennen gelernt, seien nicht wenige bereit, nach Auslaufen der angeordneten Maßnahme freiwillig weiterzumachen.

Deutschlandweiter Rückgang bei der Jugendkriminalität

Insgesamt, betonte Prof. Dr. Christian Pfeiffer - bundesweit renommierter Fachmann für die Jugendstrafrechtspflege, ging die Kriminalität junger Menschen in Deutschland in den vergangenen Jahren drastisch zurück-

Von 2007 bis 2017 betrug dieser Rückgang, jeweils pro 100.000 Einwohner gerechnet, über 40 Prozent, so der ehemalige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Harte Fakten belegten damit eindeutig, dass an den Diskussionen über die angeblich steigende Gewaltbereitschaft im Jugendalter nichts dran ist.

Gewaltfreie Erziehung wirkt

Zurückzuführen ist dies laut dem emeritierten Professor für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug an der Universität Hannover darauf, dass Eltern seit den 1980er Jahren in der Erziehung zunehmend auf Schläge verzichten.

Untersuchungen am Kriminologischen Forschungsinstitut mit 10.000 Jugendlichen hatten zum Ergebnis, dass eine gewaltfreie Erziehung in sehr hohem Maße Gewalttätigkeit junger Menschen verhindert. Inzwischen wachsen 75 Prozent aller Kinder mit liebevollen Eltern auf. In den 1960er Jahren sei es nicht einmal ein Drittel gewesen.

Neben der Familie ist aber auch Ungerechtigkeit ein wichtiger Faktor von Gewalt. Dies ergab unter anderem eine Jugendrichterforschung. Sie zeigte, dass Jugendliche ganz unterschiedliche Strafen erhalten, je nachdem, bei welchem Jugendrichter sie landeten.

Pfeiffer appellierte gerade an Richter, fair zu straffälligen jungen Menschen zu sein: „Denn durch Ungerechtigkeit produzieren wir Frust, Wut und Gewalt.“